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Spielmann über die Oscar-Chancen von «Revanche»

12.02.2009 12:06

Wien - Der Film «Revanche» des in Wien lebenden, österreichischen Filmemachers Götz Spielmann ist in diesem Jahr für den Oscar als beste ausländische Produktion nominiert worden. Jetzt kommt «Revanche» auch in deutsche Kinos. Der Film wurde bereits auf der Berlinale gezeigt und mehrfach international ausgezeichnet.

Spielmann über die Oscar-Chancen von «Revanche»

Der österreichische Regisseur Götz Spielmann könnte einen Oscar gewinnen.

Kam die Nominierung von «Revanche» für Sie überraschend?

Spielmann: «Nein, eigentlich nicht. Schließlich sind wir mit dem Film vor der Nominierung einige Zeit in den USA herumgezogen, und da hat sich schon abgezeichnet, dass er dort unglaublich stark aufgenommen wird.»

Was ist das Geheimnis des Erfolgs? «Revanche» ist eigentlich untypisch für einen potenziellen Oscar-Preisträger. Hat sich vielleicht die Einstellung der Oscar-Juroren in Hinblick auf den nicht-amerikanischen Film geändert?

Spielmann: «Da kann ich nur spekulieren. Erstens hab ich das Gefühl, dass "Change" auch in der Academy schon seit einiger Zeit stattfindet. Künstlerische Qualität ist immer auch etwas Individuelles, das dort zunehmend an Wertschätzung gewinnt. Ein zweiter Grund ist, dass es vielleicht einfach ein guter Film ist. Und ein dritter Grund mag sein, dass er (der Film) sehr alte und sehr grundsätzliche Fragen - Schuld, Verlust - sehr komplex stellt. Und dass vielleicht auch die Welt schon langsam erkennt, dass es wichtiger ist, Fragen komplex zu stellen, als simple Antworten zu geben.»

Wie sind sie auf die Idee gekommen, einen solchen Film zu machen? Gibt es eine literarische Vorlage?

Spielmann: «Nein, alle meine Filme sind - bis auf einen - Drehbücher von mir. (...) Für mich ist das Finden von Geschichten ein so fließender und ständiger Prozess, dass ich nicht so recht sagen kann, wo hat jetzt dieser Film begonnen. Für mich ist das der schwierigste Teil der Arbeit, zu Geschichten vorzustoßen. Ich arbeite viel und an vielen verschiedenen Dingen, und ich verwerfe sehr viel, und sehr viel geht in Sackgassen oder vorderhand nicht weiter und ich leg es wieder zur Seite. Und das war eine kleine Skizze, die ich irgendwann vor vielen Jahren geschrieben hab. (...) Ich hab es dann wieder zur Seite gelegt, weil mir es nicht interessant genug schien. Und das kam mir dann wieder vor Augen, und da hab ich dann sofort was drinnen gespürt, was ich sehr faszinierend fand. Nämlich eine Nähe zur griechischen Tragödie.»

Behandeln alle ihre Filme «österreichische» Themen?

Spielmann: «Was mir wichtig ist, ist dass die Filme authentisch sind, an der Oberfläche. Das werden sie auch sein, wenn ich künftig mal Filme in Deutschland mache, oder in den USA. Authentizität ist wichtig im heutigen Kino. Andererseits aber ist es mir wichtig, dass die innere Thematik oder die innere Energie etwas Universales hat, oder etwas fundamental Menschliches. Diese beiden Dinge müssen zusammenkommen, dass ich was richtig toll finde. Authentizität im Umgang mit Milieus, im Umgang mit Figuren. Und eine universale Kraft dahinter.»

Gibt es einen «österreichischen Film», so wie es einen «deutschen» Film gibt»?

Spielmann: «Es gibt Filme, die selbstbewusst und genau mit dem Land, dem sie entstammen, umgehen, und es gibt Filme, die flache, internationale Kino-Sujets imitieren. Ob der Film jetzt österreichisch ist oder amerikanisch oder deutsch oder schottisch, das macht für mich keinen Unterschied. Wichtig ist nicht, dass er österreichisch ist, sondern (...) dass er authentisch ist, und mit Neugier und mit Leidenschaft mit dem umgeht, wovon er konkret erzählt.»

Welche österreichischen Filme aus den letzten fünf bis zehn Jahren entsprechen diesen Kriterien?

Spielmann: «Die Frage möchte ich nicht beantworten, (...) aber was ich sagen möchte, ist dass wir hier in Österreich, gemessen an den Möglichkeiten - wir machen sieben Spielfilme pro Jahr - gemessen daran ist es erstaunlich, was da permanent an Qualität herauskommt, aus einem so winzigen Filmland. Ich bin sehr gern Teil von diesem österreichischen Film. Weil es eine sehr vielfältige und sehr vielschichtige Szene ist, die auf ganz hohem Niveau arbeitet, finde ich.»

Österreichische Filme haben den Ruf, etwas morbide und düster zu sein. Warum sind die Gefühlsstimmungen so stark im österreichischen Film?

Spielmann: «Meine Filme, auch frühere, wurden eigentlich nicht so rezipiert. Ein bissel ist das wohl auch ein Klischee, das eine Zeitlang gut war für den österreichischen Film. Dadurch haben wir wenigstens einen gewissen Charakter zugeordnet bekommen, der für so ein kleines Filmland schon ein großer Schritt ist, damit es nicht übersehen wird. Ich glaube, wichtig jetzt für den österreichischen Film - und das ist ja schon längst im Gange, und ich hoffe, auch meine Arbeit trägt dazu bei - (...) dass man ein bissel wegkommt vom Feel-Bad-Movie.»

Was ist es, das die Leute an «Revanche» begeistert hat:

Spielmann: «Ganz viele unterschiedliche Dinge. Das beginnt mit der filmischen Form, die ja schon ungewöhnlich ist, und sehr schwierig herzustellen. (...) Dazu die Schauspieler, ihre Qualität, das ist etwas, das mit Erstaunen wahrgenommen wurde, und der komplexe Umgang mit der Thematik.»

Worin begründet sich Ihrer Meinung nach der jüngste Erfolg deutscher und österreichischer Filme?

Spielmann: «Ich glaube der Erfolg begründet sich darin, dass man sich zunehmend von der kulturellen Kolonialisierung des amerikanischen Mainstream befreit und sich wieder konzentriert auf die eigenen Fähigkeiten und auf die eigene Kultur, auf das eigene Land, denn nur daher kommt wirkliches Selbstbewusstsein. Und nur aus Selbstbewusstsein heraus kann man Qualität schaffen.»

Fast alle erfolgreichen Filme der letzten Zeit sind subventioniert worden. Kann man überhaupt noch gute Filme ohne Subventionen machen?

Spielmann: «Ja, Pornos kann man machen, die gehen ganz schnell und haben einen großen Markt. Alles andere geht nicht! Nein! Das liegt daran, dass der Markt (in Europa) zu klein ist. Für Deutschland wäre der Markt vielleicht gar nicht zu klein, aber für ein Land unter der Größe Deutschlands ist das undenkbar. Das liegt rein an Marktmechanismen. So wie ja auch öffentlicher Verkehr oder Bauern subventioniert werden. (...) Film und Kunst sind also keine so große Ausnahme.»

Filmstart für «Revanche» in Deutschland ist am 12. Februar. Was für Erwartungen haben Sie?

Spielmann: «Der deutsche Markt ist leider für uns sehr, sehr schwierig. Weil die kulturellen Gemeinsamkeiten aus einer unglücklichen Geschichte heraus heute keine Relevanz mehr haben, und weil ein österreichischer Film im hohen Maß als ausländischer Film angesehen wird. Für den österreichischen Film ist der große deutsche Markt ein ganz großer Nachteil, weil die Kinos überschwemmt sind mit synchronisierter Ware. (...) Wenn Du in Deutschland deutsch hören willst, kannst Du Dir jeden beliebigen amerikanischen Film ansehen.»

Macht sich das auch wirtschaftlich bemerkbar?

Spielmann: «Klar, reich wirst net mit dem Filmemachen. Aber glücklich!»

Aber es gibt doch durchaus Filme, die erfolgreich waren, auch an der Kasse?

Spielmann: «Ja, deutsche Filme für Deutschland. Oder Gemeinschaftsproduktionen wie "Der Fälscher". Der hatte ja auch ein gemeinsames Thema. Das war sicher eine sehr sinnvolle und erfolgreiche Koproduktion. Ich würde sagen, das ist ein Paradebeispiel dafür, dass Koproduktionen auch künstlerisch einen Sinn haben. Ich hab eigentlich die Erwartung, die Hoffnung, dass die kulturellen Unterschiede zwischen unseren Ländern so deutlich bleiben wie sie sind, man es aber doch wechselseitig als Bereicherung empfindet. Und das ist zurzeit leider nicht so. Es ist im Film so, wie im Fußballspiel, da sind wir der Gegner. Aber in der Kunst ist es komplexer. Das ist eben kein Fußballspiel.»

Glauben Sie, Ihr Film hat Chancen auf den Oscar?

Spielmann: «Das würde mich wundern, weil's ein sehr ungewöhnlicher Film ist für den Oscar. Aber das macht mir nix. Ich mache nicht Filme, um Wettbewerbe zu gewinnen.»

Interview: Christian Fürst, dpa

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