(21.05.2012)
11.11.2009 19:37
Hamburg - In Almut Gettos neuem Film «Ganz nah bei dir» spielt Katharina Schüttler (30) eine blinde Frau, die sich als sehr selbstständig, autark und lebenslustig erweist - ganz im Gegensatz zu ihrem sehr schüchternen männlichen Filmpartner. Die Deutsche Presse- Agentur dpa sprach mit Schüttler über ihre Rolle.
Wie war es, eine Blinde zu spielen?
Schüttler: «Als ich das Drehbuch las, war ich gleich sehr angetan und wollte die Rolle gleich spielen. Es ist eine sehr große Herausforderung, jemanden zu spielen, der blind ist. Die Vorbereitungen haben mir großen Spaß gemacht: Mit einer Blindentrainerin durch die Stadt zu gehen, zu lernen, wie man sich mit einem Blindenstock zu recht findet und Blinde zu treffen, und mit ihnen durch die Welt zu gehen und von ihnen zu erfahren, wie sie ihre Umwelt wahrnehmen und ihr Leben in einer Welt von Sehenden meistern, fand ich sehr bereichernd.»
Gibt es Tricks, um sich in so eine Rolle hinein zu finden, man muss ja auch, was die Augenbewegungen angeht, einiges bedenken?
Schüttler: «Der Blick darf nie an etwas dran sein, sich auf etwas fokussieren. Mein Ansatz war es, zu versuchen, die Rolle mit den Ohren zu spielen. Ich habe versucht, mit meinen Ohren zu sehen. Ich habe versucht, den Seh-Sinn so gut es geht zu vernachlässigen. Das hat sehr gut funktioniert für mich. Aber es ist schon sehr speziell: Man sieht etwas und muss so tun, als sähe man es nicht.»
Spannend an der Figurenkonstellation im Film ist, dass Lina eigentlich «die Normale» und Phillip derjenige ist, der ernste Probleme hat. Lina managt ja trotz ihrer Blindheit ihr Leben besser als Phillip.
Schüttler: «Das Spannende fand ich eigentlich, dass es so viel Sinn macht, dass diese beiden Menschen sich begegnen und sich verlieben. Weil beide irgendwie dem anderen etwas geben können und voneinander lernen. Auch Lina kann etwas von Phillip lernen, obwohl man zunächst denkt: Der Typ hat ja 'ne Vollmeise und sie bekommt ihr Leben hin. Aber es gibt eben auch Punkte, an denen sie feststeckt. Und das finde ich so toll, dass es ein Paar ist, bei dem man denkt, die tun sich gut.»
Phillips Philosophie wird im Film auf den Nenner gebracht: Wenn es einem zu gut geht, ist das auch nicht gut. Kennen Sie solche Situationen, wo man denkt: Jetzt läuft eigentlich alles zu gut?
Schüttler: «Ich habe das einmal in meinem Leben gehabt, dass ich dachte: Das ist jetzt so schön, das wird nie wieder so sein. In dem Moment habe ich wirklich gedacht, vielleicht wäre es auch gut, wenn jetzt alles vorbei ist. Im Nachhinein muss ich aber sagen, war das keine gesunde Form von Glück, weil es eben in dem Moment nicht mit dem Leben vereinbar war.»
Ist die Kernaussage des Films, dass man Mut haben sollte zum eigenen Glück?
Schüttler: «Ja, vielleicht. Ich hoffe und ein bisschen glaube ich das auch, dass im Grunde seines Herzens jeder Mensch glücklich sein könnte. Oft findet man vor lauter Suchen das Glück nicht so leicht. Man übersieht gern, dass das Glück in ganz kleinen Dingen steckt.»
Sie sind vor allem für radikale, extreme Rollen bekannt, etwa die Hedda Gabler an der Berliner Schaubühne. Ist Lina nicht einer der ausgeglichensten Charaktere, die Sie bis jetzt gespielt haben?
Schüttler: «Bestimmt ist sie eine der sanftesten Frauen, die ich bisher darstellen durfte. So einen weichen und glücklichen Menschen habe ich glaube ich, fast noch nie gespielt. Genau das fand ich auch reizvoll, dass da jemand so heil ist, so intakt.»
Interview: Matthias von Viereck, dpa
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