(08.03.2010)
04.02.2010 09:30
Stockholm/Berlin - Sieben Monate lang Kick-Box-Training, Diäten, Motorrad-Unterricht und am Ende noch eine Menge Piercings: Dann erst fühlte sich die schwedische Schauspielerin Noomi Rapace jungenhaft-drahtig genug, um in die Rolle der Krimi-Heldin Lisbeth Salander zu schlüpfen.
Rapace beeindruckt in den drei Stieg-Larsson- Verfilmungen in der Rolle des Missbrauchsopfers, das sich die Kontrolle über sein Leben zurückerkämpft. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa sprach die Dreißigjährige über Ähnlichkeiten zu ihrer Figur, die Botschaft der Filme und Aussichten auf einen vierten Teil der Krimireihe.
Wie haben Sie sich auf die Rolle des tief traumatisierten Missbrauchs-Opfers Lisbeth Salander vorbereitet?
Rapace: «Ich habe dem Regisseur gesagt, ich fühlte mich für die Rolle zu feminin und zu weich. Ich wollte mich völlig ändern. In meinem Kopf sah ich Lisbeth und wusste, ich würde hart arbeiten müssen, um so zu werden wie sie. Also habe ich mit Kickboxen und Thai-Boxen angefangen. Ich habe eine spezielle Diät gemacht, weil ich jungenhafter werden wollte: stark, aber knabenhaft dünn - ich wollte meine weibliche Weichheit verlieren. Ich habe meine Haare abgeschnitten und mir Piercings gemacht. Außerdem habe ich Motorrad- Unterricht genommen. Das alles dauerte etwa sieben Monate.»
Lisbeth Salander ist ein krasser Einzelgänger, der Emotionen meidet und an einer Stelle sogar als Asperger-Austistin beschrieben wird. Wie nah kann man innerlich so einer Figur kommen?
Rapace: «Als ich aufwuchs, war ich ziemlich auf mich allein gestellt und wurde früh erwachsen. Ich bin bei meiner Familie ausgezogen, als ich 15 war. Ich dachte mir immer, es liegt an mir, was für ein Leben ich führe - niemand sonst wird meine Fehler ausbügeln oder mir zu Diensten sein. Also dachte ich, das ist eine gewisse Ähnlichkeit zu Lisbeth Salander in der Art und Weise, wie sie ihr Leben meistert. Ich bin auch etwas stur, wenn ich mich für etwas entscheide, dann ziehe ich das auch durch.»
Wie sehr hat sich Ihr Leben nach den Filmerfolgen verändert?
Rapace: «Ich bin wegen der Millenium-Filme viel rumgereist. Das hat mein Leben verändert. Plötzlich bin ich eine bekannte Person in Schweden, die Leute erkennen mich auf der Straße. Es ist komisch, die ganze Zeit beobachtet zu werden. Und plötzlich kriege ich Drehbücher aus dem Ausland auf den Tisch, das ist neu für mich.»
Sind Sie nicht besorgt, dass Sie für das Publikum künftig auch in anderen Filmen «die Lisbeth Salander» sein werden?
Rapace: «Nein, eigentlich nicht. Ich werde einfach weiterarbeiten und mein Bestes geben. Ich bin so eine Art Comedian - ich kann mich schnell verändern. Kürzlich habe ich in einem Film eine glückliche Person gespielt und sah auch ganz anders aus. Heutzutage verändert sich alles so schnell, die Leute gucken sich jeden Tag neue Sachen im Internet an. Deshalb denke ich nicht, dass ich lange mit Lisbeth Salander in Verbindung gebracht werde.»
Wofür halten Sie denn die Millenium-Trilogie - sind das spannende, gut durchdachte Krimis oder steckt da mehr dahinter?
Rapace: «Ich glaube schon, dass es eine tiefere Botschaft darin gibt. Man merkt, dass der Autor Stieg Larsson Journalist war und Dreck aus dem Schatten ans Licht bringen wollte. Er wollte seine Leser auch zwingen hinzusehen und zu erkennen, dass wir in unserem scheinbar perfekten Schweden Probleme wie Missbrauch von Frauen haben.»
Gerüchte über die Existenz eines vierten Krimis des 2004 verstorbenen Stieg Larsson wollen nicht verstummen. Was meinen Sie - geht es mit der Millenium-Reihe weiter?
Rapace: «Da gibt es eine Menge Gerüchte. Ich habe gehört, dass das Buch so gut wie fertig ist und dass nur die Hälfte fertig ist. Wir wissen genau, dass Stieg Larsson drei Bücher vollendet hat - die haben wir nun verfilmt, und das reicht dann auch für mich.»
Es soll ein US-Remake geben. Was halten Sie davon?
Rapace: «Das ist interessant, ich würde mir das auf jeden Fall angucken. Aber eine amerikanische Version ist schwer vorstellbar: Die Filme sind doch sehr europäisch. Manche dunkle Seiten musste man genau darstellen. Zum Beispiel die Szene, wenn Lisbeth von ihrem Vormund vergewaltigt wird - und später schlägt sie zurück. Es war nötig, das so detailliert darzustellen, um sie besser zu verstehen. Manchmal verzichten amerikanische Filme auf nackte oder gewalttätige Szenen - dadurch soll der Film dann weniger kompliziert werden.»
Interview: Wolf von Dewitz, dpa
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