(06.02.2012)
13.05.2010 14:39
Cannes - Verlorene Seelen waren das Thema der Filme am ersten Wettbewerbstag des Festivals in Cannes. Der Chinese Wang Xiaoshuai stellte «Chongqing Blues» vor. Darin erzählt er von einem Vater, der Spuren seines von ihm vor Jahren verlassenen und nun toten Sohnes sucht.
In Mathieu Amalrics «Tournée» geht es um einen gescheiterten, französischen Fernsehproduzenten, der mit einer Truppe amerikanischer Burlesque-Tänzerinnen sein Glück in der alten Heimat sucht. Und selbst in dem Eröffnungsfilm «Robin Hood», der am Abend zuvor Premiere feierte, begibt sich der englische Volksheld auf die Suche nach seinen Wurzeln.
Die schnelle wirtschaftliche Entwicklung habe zu einem Verlust von Werten geführt, sagte Regisseur Wang nach der Vorstellung. So sei die Bedeutung der Familie geschwunden. Der Vater in seinem Film suche daher nicht nur nach den Spuren seines Sohnes, sondern auch nach den eigenen verlorenen Werten und Gefühlen, erklärte der 43 Jahre alte Regisseur und Drehbuchautor. Er sei ein wenig nostalgisch und glaube, dass es wichtig sei, immer wieder auf sein Leben zurückzublicken.
Das tut auch Joachim in Amalrics Roadmovie «Tournée». Der französische Regisseur und Schauspieler, der auch die Hauptrolle spielt, erzählt von mehreren Menschen auf der Suche nach Glück und ihrem Platz im Leben. Dafür wählt er die trostlose und zugleich schrille Welt der Tänzerinnen, die mit ihrem erfolglosen Manager Joachim durch Kleinstädte der französischen Provinz ziehen.
Gewohnt glamourös war es am Abend zuvor bei der Eröffnungsgala am Roten Teppich zugegangen: Dort lächelten zwar nicht ganz so viele Stars wie sonst in die Kameras, die zahlreichen Schaulustigen, die sich seit Tagen mit Leitern an der Croisette postiert hatten, waren dennoch begeistert.
So stellten sich die beiden «Robin Hood»-Hauptdarsteller Russell Crowe und Cate Blanchett dem Blitzlichtgewitter und beantworteten geduldig Fragen. Regisseur Ridley Scott fehlte, eine Knieoperation hatte ihn von einer Reise an die Croisette abgehalten. Doch Crowe und Blanchett vertraten ihn würdig. Wie viele ihrer Kollegen sprachen sie Genesungswünsche für Scott in die Kameras. Das tat auch Helen Mirren, die elegant wie immer in den Saal schritt. Salma Hayek winkte den Fans zu und gab Interviews, und «Desperate Housewife» Eva Longoria Parker hauchte Küsschen in die Menge.
Am Nachmittag hatte Jury-Präsident Tim Burton das Motto der 63. Filmfestspiele an der Côte d'Azur ausgegeben: Sie seien offen für alle Filme. «Wir in der Jury sind in keinster Weise voreingenommen», sagte der Regisseur («Alice im Wunderland»). «Es gibt nichts, wonach wir speziell suchen», auch nicht nach politischen Themen. «Wir wollen Filme, die uns berühren.»
Der eigenwillige Filmemacher begrüßte, dass in diesem Jahr nicht so viele Hollywood-Produktionen im Wettbewerb sind. «Das ist eine Chance zu sehen, was in der Welt des Kinos sonst noch so los ist», sagte er. Aus den USA kommt nur ein Beitrag und zwar Dough Limans «Fair Game» mit Sean Penn in der Hauptrolle. Die meisten der 19 Beiträge stammen aus nichteuropäischen Ländern.
Burton freue sich schon darauf, überrascht zu werden. «Das Element der Überraschung ist sehr wichtig - und ich bin mir sicher, wir werden überrascht werden!» In der Jury sitzen neben Burton acht weitere Filmemacher und Schauspieler, darunter die Schauspielerin Kate Beckinsale und ihr Kollege Benicio Del Toro. Der versicherte, bestens auf seinen Job als Jurymitglied vorbereitet zu sein: Er habe sich die Ohren saubergemacht und die Brillengläser geputzt.
Bestens gelaunt hatten Blanchett und Crowe zuvor den neuen «Robin Hood» vorgestellt. Die größte Herausforderung sei gewesen, dass Ridley Scott ihr bei den Dreharbeiten immer wieder Matsch ins Gesicht geschmiert habe, sagte Blanchett. Doch es habe sie entschädigt, dass sie Russell Crowe habe küssen dürfen. Der sprach vor allem über Scotts und seine Motivation, die hundertfach erzählte Geschichte des englischen Volkshelden neu zu verfilmen.
«Wir haben eine ziemlich arrogante Perspektive eingenommen und sagen den Zuschauern: "Was auch immer Ihr glaubtet, über Robin Hood zu wissen, es ist falsch"», sagte Crowe am Mittwoch. Der mehr als zweistündige Film setzt vor der bekannten Heldensage ein und präsentiert einen Robin Hood, der Anfang des 13. Jahrhunderts als ehemaliger Kreuzritter nach England zurückkehrt.
Bis zum 23. Mai konkurrieren an der Croisette 19 Filme um die Goldene Palme. Dabei geht mit Mahamat-Saleh Harouns «Un Homme Qui Crie» erstmals ein Beitrag aus dem Tschad ins Rennen, Südkorea ist gleich zweimal vertreten, und aus Thailand bringt Filmemacher Apichatpong Weerasethakul «Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives» mit nach Cannes.
| weitere meldungen |