(21.05.2012)
31.05.2010 10:40
Hamburg - Sie können Bomben entschärfen, Präzisionsgewehre bedienen, doch diesen Einsatz fürchtet jeder Soldat: den Angehörigen in der Heimat mitteilen zu müssen, dass ihr Sohn, Ehemann oder Vater im Kampf gefallen ist.
Der amerikanische Spielfilm «The Messenger - Die letzte Nachricht» des Regisseurs und Autors Oren Moverman erzählt von Tod und Trauer, inneren wie äußeren Verletzungen und schildert den Krieg aus einer ungewöhnlichen Perspektive. 2009 wurde Movermans erschütterndes wie spannendes Melodram mit dem Berlinale Friedenspreis ausgezeichnet und sein Drehbuch mit dem Silbernen Bären.
Nachdem er bei Kämpfen im Irak verwundet wurde, kehrt Sergeant Will Montgomery (Ben Foster) in die USA zurück. Sein Militärdienst dauert noch drei Monate, Pläne für die Zukunft hat er keine, die Freundin verbringt zwar noch eine Nacht mit ihm, will aber einen anderen heiraten. Montgomery wird dem Kommando des lang gedienten Offiziers Captain Tony Stone (Woody Harrelson) unterstellt. Der Auftrag lautet, innerhalb von 24 Stunden die Familie über den Tod des Armeeangehörigen zu informieren, es gilt schneller zu sein als die Fernsehstationen.
Stone, erfahren wie abgebrüht, hält sich an Protokoll und Prozedere, seine Anweisungen sind klar und unmissverständlich. Nicht «Guten Morgen» oder «Guten Tag» sagen, denn es ist nichts Gutes an diesem Tag für die Betroffenen, also bitte keine Einzelheiten, verbrannt, zerfetzt, das sollen die Hinterbliebenen nie erfahren. Und vor allem keine Gefühle zeigen, kein physischer Kontakt, es sei denn, jemand erleidet eine Herzattacke, und wenn sie glauben, jemandem eine tröstende Schulter anbieten zu müssen, lassen sie es.
Dergleichen Belehrungen hält Sergeant Montgomery für überflüssig, er ist kein Typ, der irgendjemanden trösten will, er unterschätzt, wie ihm diese Begegnungen unter die Haut gehen. Ob schwangere Verlobte oder verzweifelte Mutter, für alle scheint der Verlust unbegreifbar, die Reaktionen sind Ungläubigkeit, Wut, Tränen, Hass, ein Vater spuckt den Soldaten ins Gesicht: Warum seid ihr Feiglinge nicht an der Front? Olivia Pitterson (Samantha Morton) hängt grade Wäsche im Garten auf, als Stone und Montgomery bei ihr zuhause auftauchen. Die junge Mutter bleibt völlig ruhig bei der Nachricht vom Tod ihres Mannes, gibt den Offizieren die Hand, entschuldigt sich bei ihnen, denn diese Nachricht zu überbringen sei bestimmt keine einfache Aufgabe.
Stone ist verblüfft wie fasziniert, fährt am Abend wieder zu ihrem Haus, beobachtet sie und ihren Sohn durch das Fenster, kehrt immer wieder dorthin zurück, beginnt die Witwe zu beschatten. So cool die erprobten Kämpfer sich geben, die Einsätze gehen an die Grenze ihrer Belastbarkeit, und nach anfänglichen rüden Reibereien entwickelt sich eine Art von Solidarität oder Freundschaft zwischen ihnen. Privatleben kennen sie kaum, was sie verbindet ist die Einsamkeit. Stone hat drei Ehen hinter sich und eine Karriere als Alkoholiker, Montgomery kämpft mit Schuldgefühlen und Schlaflosigkeit, den typischen Symptomen des posttraumatischen Stress, er fühlt sich verantwortlich für den Tod seiner Kameraden.
Wer, außer einem Soldaten könnte die beiden verstehen, hier knüpft «The Messenger» an die Tradition von Filmen an wie «Verdammt in alle Ewigkeit» (1953) mit Burt Lancaster und Montgomery Clift oder «Das letzte Kommando» (1973) mit Jack Nicholson. Im Verlauf der Handlung zeigt sich, dass die Protagonisten völlig anders sind, als sie sich geben oder denken zu sein.
Das Drehbuch von Oren Moverman und seinem Co-Autor Alessandro Camon ist meisterhaft geschrieben, spannend wie bewegend, einfühlsam, zugleich witzig und ironisch. Die Bissigkeit, manchmal Flapsigkeit der Dialoge scheint uramerikanisch, erstaunlich, denn immerhin ist Moverman in Israel geboren und Camon in Italien, die USA sind ihre Wahlheimat. Nichtsdestotrotz, «The Messenger» könnte überall spielen, wo es Kriege gibt und Menschen sterben.
Moverman hat selbst vier Jahre in der Armee gedient, für ihn ist der Film nicht nur sein Regiedebüt, sondern, wie er in einem Interview sagt: «ein Weg, mich indirekt auch den Dämonen meiner Militärzeit zu stellen». Kein Schuss fällt, die Front ist fern, der Krieg spiegelt sich in den Gesichtern der Menschen. Der Regisseur leitet seine Akteure geschickt durch die unerwarteten Explosionen ihrer Emotionen. Äußerlich verkörpern Sergeant Montgomery und Captain Stone Prototypen des amerikanischen Berufssoldaten, doch hinter der Fassade von Gefühlskälte und unnachgiebiger Disziplin verbergen sich Verletzbarkeit wie auch Sehnsucht nach Geborgenheit, sensationell die schauspielerische Leistung von Woody Harrelson («Natural Born Killers» und Ben Forster («Todeszug nach Yuma»).
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