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Geschichte der Skandalfilme

12.04.2011 10:29

Berlin - Skandale kommen und gehen, und manche sind später kaum noch verständlich. Das ist auch im Kino nicht anders.

Geschichte der Skandalfilme

Nastassja Kinski als Schülerin Sina und Christian Quadflieg als ihren Lehrer Helmut Fichte (undatiertes Handout).

Wer weiß heute noch, dass der Berliner Filmhochschulstudent und spätere Hollywood-Regisseur Wolfgang Petersen («Das Boot») 1977 mit einem Homosexuellen-Film («Die Konsequenz») die Gemüter in der Bundesrepublik erregte? Im gleichen Jahr übrigens, als sein inzwischen legendärer «Tatort»-Film «Das Reifezeugnis» mit der damals erst 18-jährigen Nastassja Kinski lief. Das und noch viel mehr kann man dem Buch «Skandalfilme - Cineastische Aufreger gestern und heute» von Stefan Volk entnehmen.

Das Buch ist eine wahre Fundgrube für alle Filmliebhaber, die sich auch für die gesellschaftliche Wirkung des Kinos interessieren. Es liefert viele Hintergrundinformationen über die Filme, ihre Macher und Darsteller mit nützlichen biografischen und zeithistorischen Anmerkungen und natürlich Bildmaterial.

Die sehr detail- und kenntnisreiche Übersicht reicht «Von den Anfängen bis 1949» unter anderem mit dem «Kinokrieg in Berlin» um die amerikanische Remarque-Verfilmung «Im Westen nichts Neues» von 1930 über das Grauen des Ersten Weltkriegs über die 50er und wildbewegten 60er und 70er Jahre bis in die Gegenwart. Schon 1920 hatte eine «rheinische Volksgemeinschaft zur Wahrung von Anstand und guter Sitte» postuliert: «Für Kinder und Jugendliche ist der ungezügelte Kinobesuch schon jetzt zum Verderben geworden.»

Seither gab es immer wieder Rufe nach Zensur, Farbeier und Stinkbomben bei den Aufführungen, weiße Mäuse, Kinoschlachten, Boykottaufrufe, Krawalle und Festnahmen, Beschlagnahmungen, hitzige TV-Debatten und Drohanrufe, Unterschriftenaktionen und sogar Festival-Eklats wie bei der geplatzten Berlinale von 1970 um den Film «O.K.» von Michael Verhoeven über ein Kriegsverbrechen in Vietnam, das Verhoeven in einem bayerischen Wald ansiedelte.

Der nächste Berlinale-Skandal folgte schon ein Jahr später um Rosa von Praunheims Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» mit einem Wutgeheul von allen Seiten, übrigens auch von vielen Schwulen. «Ich wurde aus den Schwulenlokalen geschmissen und sogar angegriffen», erinnerte sich Praunheim später, der auch sagte: «Für mich sind Filme an sich nicht skandalös.»

Das sahen Staatsanwälte teilweise anders wie zum Beispiel bei dem japanischen Film «Im Reich der Sinne» (1976) von Nagisa Oshima, dem Pornografie vorgeworfen wurde. Nach der Vorführung auf der Berlinale, den sich der Staatsanwalt in Begleitung von Kriminalbeamten und eines Richters angesehen hatte, wurde kurz vor Mitternacht die Filmkopie beschlagnahmt, ein bis dahin einmaliger Vorgang auf einem internationalen Filmfestival. Das Landgericht Berlin sah das später wieder anders. Der Vorwurf der Pornografie sei unberechtigt, da der Film aufzeige, «wie nahe der Sinnestrieb und der Todestrieb beieinander liegen».

Sex and Crime spielen in der Geschichte der «Skandalfilme» oft die Hauptrolle, jedenfalls aus der Sicht der Empörten. Den vielleicht größten Filmskandal der bundesdeutschen und noch prüden Nachkriegszeit verursachte der Film «Die Sünderin» von Willi Forst (1951) mit der jungen Hildegard Knef, die in einer kurzen Nacktszene zu sehen war. «Mein Gott, war das eine Aufregung», erinnerte sich die Knef später. «'Komm, Willi, wir gehen!' riefen Frauen, wenn ich ein Restaurant betrat. Und das alles nach dem, was vorher in unserem Land passiert war.»

Kritikern galt der Film, der auch das Thema Sterbehilfe ansprach, als «Kulturschande», «entsittlichend» und «Verherrlichung des Bösen». Schaukästen wurden eingeschlagen, Zuschauer, darunter auch Mönche, störten die Vorstellungen, warfen Stinkbomben und streuten Niespulver in den Saal. Eine ähnliche «sittliche Empörung» vor allem aus kirchlichen Kreisen richtete sich Jahre später gegen den schwedischen Film «Das Schweigen» von 1963 von Ingmar Bergman. Bischöfe rieten vom Filmbesuch ab.

Aufruhr in ganz anderen Kreisen, nämlich den Vertretern des neuen «Wirtschaftswunders» in der Bundesrepublik, erregte der Film «Das Mädchen Rosemarie» von Rolf Thiele (1958) mit der attraktiven Nadja Tiller. Der Film, an dessen Drehbuch auch Erich Kuby mitarbeitete, beruht auf einen wahren Vorfall, der Ermordung einer «Edeldirne» in Frankfurt am Main. Es war ein Fall, der nie aufgeklärt wurde. Der Film entwarf, wie es im «Skandalfilm»-Buch heißt, ein «zeitkritisches Sittenbild der Adenauer-Ära». Wieder wurde die «entsittlichende Wirkung» des Films beanstandet.

Die Teilnahme des Films am Festival in Venedig wurde - vergeblich - versucht, zu verhindern, da er «ein völlig falsches Bild von den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen in der Bundesrepublik» zeichne. In Deutschland war «Das Mädchen Rosemarie» mit über acht Millionen Zuschauern ein Kassenschlager und wurde sogar mit einem Golden Globe ausgezeichnet.

Stefan Volk

Skandalfilme - Cineastische Aufreger gestern und heute

Schüren Verlag, Marburg, 316 Seiten, 24,90 Euro

ISBN 978-3-89472-562-4

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