(21.05.2012)
05.07.2011 17:09
Berlin - Während im Fernsehen und in verschiedenen Printmedien in den vergangenen Jahren relativ viel zum Thema Tourette-Syndrom berichtet wurde, hat sich das Kino bisher zurückgehalten. Der Vorjahreshit «Vincent will mehr» war diesbezüglich ein Pionier. Mit «Ein Tick anders» folgt nun eine Komödie voller märchenhafter Elemente.
Ungewollte Zuckungen in Gesicht und Körper und manch heraus geschrienes Schimpfwort übelster Art gehören zu Eva (Jasna Fritzi Bauer) wie zu anderen ein Lächeln oder blonde Haare. Die 16-jährige leidet nämlich an dem Tourette-Syndrom. Die Familie geht recht locker damit um. Nur in der Öffentlichkeit, etwa wenn Eva zwanghaft und ungewollt einen Busfahrer beschimpft, wird es manchmal schwierig. Doch die quicke Jugendliche kommt auch damit zurecht.
Schon mit dieser leichtfüßig inszenierten Ausgangssituation erobert Regisseur Andi Rogenhagen in seinem erst zweiten Kino-Spielfilm das Publikum. Wohl kaum jemand dürfte sich dem skurrilen Charme und der perfekt dazu passenden Persönlichkeit der Hauptdarstellerin Jasna Fritzi Bauer entziehen können. Weil das Tourette-Syndrom weder als Witzlieferant noch als Riesendrama ausgeschlachtet wird, aber natürlich durchweg präsent ist, wird ihm alles Falsch-Sensationelle genommen.
Um Eva herum gibt es zudem einige skurrile Figuren, die für jede Menge Spaß sorgen. Da sind zum Beispiel die Oma (Renate Delfs), die gern mal einen Staubsauger in die Luft sprengt, oder der Onkel (Stefan Kurt), der von einer Karriere als großer Gangster träumt. Letzteres führt schließlich zu einem märchenhaften Abenteuer um einen Bankraub und andere ganz alltägliche Verrücktheiten.
Andi Rogenhagen, der auch das Drehbuch geschrieben hat, bietet geradezu ein Feuerwerk an lautem und leisem Humor auf, um die Geschichte voranzutreiben. Ohne die durchaus komplizierte Lebenssituation von Eva je zu verniedlichen, gelingt es ihm, einen lockeren Erzählton zu bewahren. Dazu trägt wesentlich der kluge Einfall bei, die Story als Märchen zu entwickeln. So sind denn Dinge und Ereignisse möglich, die in der schnöden Realität nie vorkommen.
Besonders interessant ist ein Kniff, der in vielen anderen Filmen nicht funktioniert, hier aber geradezu brillant das Publikum ins Geschehen einbindet: Eva redet über einen Kommentar, mit dem sie manches Ereignis begleitet, gleichsam direkt mit den Zuschauern. So ist man denn auch ganz an der Seite der Jugendlichen, wenn sie schließlich verschmitzt und selbstbewusst einen höchst anarchisch anmutenden Pop-Song zum Besten gibt.
Die schönsten Szenen hat Jasna Fritzi Bauer mit Renate Delfs als ungewöhnlicher Großmutter und Stefan Kurt in der Rolle des schrägen Onkels. Da wird denn mit manch krachendem Witz und noch mehr verhaltenen Pointen klar, was in jedem Leben, ob nun mit oder ohne Tourette-Syndrom, das Wesentliche ist: das liebevolle Miteinander in Familie und Freundschaften. Der Film rutscht dabei nie in platte Aufklärung ab und bietet so Familienunterhaltung im besten Sinn.
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