(21.05.2012)
10.12.2011 10:02
Lissabon - An Ruhestand und Rente denkt Manoel de Oliveira auch im biblischen Alter von knapp 103 Jahren noch nicht.
«Ich habe nur Angst, dass ich keine Zeit habe, meine vielen Projekte zu realisieren», sagte der älteste aktive Filmregisseur der Welt kurz vor seinem Geburtstag, den der Portugiese am Sonntag in seinem Haus in Porto im Kreis der großen Familie feiern will. Dann geht es aber auch gleich wieder an die Arbeit: De Oliveira bastelt nämlich an der Endfassung seines neuen Films, den er gerade in Paris mit Michael Lonsdale, Jeanne Moreau und Claudia Cardinale zu Ende gedreht hat.
Der Methusalem des Autorenkinos geht seit einiger Zeit am Stock, präsentiert sich aber ansonsten fit und froh. Mit fester Stimme verriet er vor wenigen Tagen bei einem Podiumsgespräch sein Rezept: «Der Glaube, er ist unerlässlich. Sei es moralischer, politischer oder ethischer Glaube. Ohne Glaube überlebt man nicht.» Der ruhige und schlanke Mann sprüht vor Kraft, Arbeitswut und Lebensfreude: «Ich bin voller Ideen» und «meine Energie bekomme ich von den Sternen», sagte er jüngst im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Lusa.
Die Künstlerkarriere des einstigen Sportlers, Autorennfahrers und Portweinwinzers begann 1930 mit einem Stummfilm über den Fluss Douro. «Wer rastet, stirbt», sagt der Mann, der am 11. Dezember 1908 als Sohn einer wohlhabenden Familie in Porto geboren wurde und mit Stars wie Catherine Deneuve, John Malkovich oder Marcello Mastroianni gedreht hat. De Oliveira führt nicht nur Regie, sondern ist fast immer beim Schreiben des Drehbuchs, beim Schnitt und als Produzent aktiv.
Für sein Lebenswerk, darunter «Die Kannibalen» (1988), erhielt er 2007 den Ehrenpreis der Europäischen Filmakademie. 2009 bekam er auch eine Berlinale-Kamera. Insgesamt wurde de Oliveira mit mehr als 40 Auszeichnungen überhäuft, darunter auch dem Jury-Preis von Cannes für «La Lettre» (Der Brief). Im November verlieh ihm die Universität Portucalense in Porto den Ehrendoktortitel, ein Lehrstuhl «Manoel de Oliveira» wurde gegründet. Wichtig sind der lebenden Legende vor allem auch die Anerkennung von Wim Wenders, in dessen Film «Lisbon Story» (1994) er auftrat, oder Clint Eastwood («Oliveira ist mein Vorbild»).
Seit 1990 dreht de Oliveira einen Film pro Jahr. Nachdem er erst im vergangenen Jahr sein bisher letztes Werk, «Der Seltsame Fall der Angelika», präsentiert hatte, will er seinen neuesten Film möglichst schon im Mai 2012 in Cannes uraufführen. «Gebo e a Sombra» («Gebo und der Schatten») handelt, wie der Regisseur erklärt, «von Ehrlichkeit, Ehre und Armut». Wie bei Oliveira üblich sind Parallelen zur Realität kein Zufall. Wie sagt er doch? «Kino ist der Spiegel des Lebens.»
Die Schuldenkrise und die zunehmende Verarmung seiner Landsleute beschäftigen den Bürger des pleitebedrohten ärmsten Landes Westeuropas sehr. «Die Situation ist sehr schlimm», klagt er. Der Querdenker und Filmpoet, der kommerzielles Kino nicht mag und mit Luis Buñuel, Jean-Luc Godard oder Federico Fellini auf eine Stufe gestellt wird, fügt kritisch an: «Der Mensch hat sich nicht geändert. Es gibt zwar den Fortschritt, der Komfort bringt, aber wir stehen vor einem unbequemen Komfort, weil wir immer beherrschen wollen, immer nach Macht streben.»
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